Dinge & Undinge
Ein Stück in Stücken nach Texten von Vilém Flusser experimentell bearbeitet und interdisziplinär übersetzt für die Bedingungen der Bühne von Ingrid Lucia Ernst
Dinge so anzusehen als sähe man sie zum ersten Mal, um an ihnen unbeachtete Eigenschaften und Geschichten zu entdecken, gehört zu der Wahrnehmungsweise des Philosophen und Kulturtheoretikers Vilém Flusser, der sich mit der Vielfalt und der Komplexität unserer Zeit besonders lebendig und bild-ideenreich befasst hatte. Wie aus der Beobachtung von Allerweltsdingen, wie aus dem sich Versenken in die einfachsten Gegebenheiten unserer Umwelt überraschende Philosophie als freies faszinierendes Spiel mit Elementen aus Tanz, Theater, Film und den neuen Medien erwächst, das zeigen die philosophischen Clips für die Bühne. In ungewöhnlichen Verknüpfungen und Sprüngen quer durch alle Disziplinen werden so einfache und gewöhnliche „Dinge und Undinge“ wie das SCHACHBRETT und vier verlassene Figuren, die FLASCHEN und ihre Umwertungen, der ATLAS meines Großvaters, die WÄNDE und ihre doppelzüngige Sprache, das BETT als Wohnung, unsere HÄNDE mit ihren Fingerspitzen vorgeführt und das Auge als Werkzeug eingesetzt.: „Denn die Dinge in meiner Umgebung stehen nicht, sondern sie bewegen sich oder werden bewegt und es gibt in meiner Umgebung immer Verschiebung und immer neue Bedingungen.“
Notizen zur Umsetzung
Die Texte von Vilém Flusser stellen eine Literatur dar, die aus dem Impetus entstanden ist, zu provozieren und hintersinnig aufzuklären. Eine Formulierungskunst voller Humor, Nächstenliebe und intellektueller Obsession. Eine Literatur der Betrachtung und der Reflektion: monologisch, zum Du, aber auch für sich; geschrieben aus der Position des Denkens, Fühlens und Entwerfens – aber wohlgemerkt, nicht des Handelns. Eine Literatur, die nicht für Theater geschrieben wurde und gerade deshalb auffordert zu einer kreativen Übersetzungsarbeit für die Bedingungen und für die Sprachen der Bühne: Diese Einschätzung hat sich eingelöst. Gerade durch ihre Vielschichtigkeit und Überlagerung, durch ihre Ausrichtung auf die einfachsten Gegebenheiten unserer Umwelt, durch ihre Aufgeladenheit mit Kulturgeschichte sind diese Texte für eine interdisziplinäre Bearbeitung geradezu prädestiniert und haben gehalten, was sie für eine künstlerische Bearbeitung versprochen haben: Von der Abstraktion des Gedankens in die Konkretheit, Leiblichkeit, des Bildes zu wechseln. Anzumerken ist, daß nicht jeder Text von V.F. für eine Bühnenbearbeitung geeignet ist; die für dieses Projekt ausgewählten Texte habe ich zuvor einer intensiven Prüfung unterzogen, ob sie bühnentauglich sind, ob das vielspurige Potential der Gedankengänge bei gleichzeitiger Bezogenheit auf bekannte Realität in der Lage ist, dem Szenischen standzuhalten, dreidimensional zu wirken und sich auch sprechen zu lassen im Duktus einer Bühnenfigur. Gleichzeitig fungierten die Texte auch als Auslöser für abstrakte Bilderfindungen und für Synthesen aus divergierenden unserer Realität abgeluchsten Elementen. Solche ungefestigten Inhalte werden ja vom „landläufigen“ Theater eher als unbequem und zu ambivalent gemieden. Assoziationen über Dinge, Befindlichkeiten, die sich aus dem Kontext der Objekte ergeben, sind eher was für eine bildnerische als für eine darstellende in die Dreidimensionalität führende Gestaltung. Die Bühne darf alles und ist zu allem fähig, ist Laboratorium und Spiel-Raum der Versuchsanordnungen und kreativen Impulse. Ich wollte mit diesen Texten von der Flachware zum lebendigen, zeigenden Raum, zur Multimedialität und zur Subtraktion. Ich wollte mit Flusser finden und zeigen, was die Bühne alles kann: Vieles weiß man vorher nicht – erst später in der (Selbst-) Betrachtung, öffnen sich die Waben des ganzen Gebäudes als Spektrum des Auges.
Die ausgewählten Texte aus dem Werk von Vilém Flusser erlauben eine Präsentation, die den Zusammenhang von gedanklichen Konzepten, Handeln und sinnlicher Wahrnehmung in eine auditive und visuelle Ebene entdecken und auffalten, dabei auch auf tradierte Mittel zurückgreifen und auch das wollte ich: alte Mittel nicht verkommen lassen. Ein anderer Grund für meine Entscheidung liegt in der philosophischen Haltung, von der diese Texte bestimmt und durchzogen werden und die der Struktur des Experimentellen darum so nahe sind.
In der Vorbereitungsphase 2001 wurde das ausgewählte Textkonvolut zu überschaubaren Einheiten umsortiert und gepackt: Es entstand das Basismaterial für sechs für sich stehende Stücke; dazu entwickelte ich Figur und Funktion des Moderators, ein durch das Gesamtstück führender Betrachter und Bekenner, der das siebte Stück bildet. Diese Fassung wurde zu einem Drehbuch umgearbeitet. Durch besondere Formen von Kommunikation wurden Künstler verschiedener Disziplin und Herkunft in ihren Part eingeführt und vernetzt: Mit der brasilianischen Choreographin Lilian Graca, die ich in Salvador (Bahia) kennengelernt hatte, habe ich zuerst angefangen. Diese Zusammenarbeit war nicht frei von Missverständnissen. Der „andere“ kulturelle Hintergrund war in der Anfangszeit spürbar und hatte mit der Verräumlichung des Textes zu einer Geometrie der Flächen und Linien zu tun, um auf dieser Basis eine Choreografie zum Thema „Wände“ zu entwickeln. Es dauerte eine Weile, bis ich die Differenz unserer Imagination registriert hatte: bildnerisches Denken versus analytischer und synthetischer Projektion. Ein anderer Aspekt der Arbeit war der Unterfütterung mit kultur-geschichtlichen Material gewidmet, den historischen Ort zu erkennen und eine Ästhetik und ihre Methoden dialektisch zu erfahren. In einem dreitägigen Workshop wurde zu den Themen „Schachspiel“, „Flusser“ und zu „Oskar Schlemmer und seinem Prinzip der mechanischen Figuren und der Geometrisierung des Raumes“ ausgewähltes Material präsentiert und diskutiert.
Am Abend nach einer Vorstellung von“ Dinge & Undinge“ sagte eine Professorin der Uni-Potsdam: „In diesem Stück steckt eine ästhetische und politische Botschaft, Dinge zusammenzudenken, neue Fügungen von Aspekten, das eine mit dem anderen zu verknüpfen. Zuerst ist das anstrengend – aber nach einer Weile macht das Spass und ich merke wie ich sehend denke, bin voll beschäftigt und habe zu tun im Zuschauen“. Eine weitere Variante der Themen von Vilém Flusser hat sich damit aufgetan und – „Vom Projekt zum Subjekt“ umgekehrt.
Ingrid Lucia Ernst
Uraufführung 11. Mai 2002, Theater am Halleschen Ufer, Berlin
Besetzung
Dagmar Sitte & Götz Schulte (Schauspieler)
Konstanze Büschel & Lilian Graca (Tänzerinnen)
Bernd Manju Janzen & Roman Nitz (Tänzer)
Ingrid Lucia Ernst (Konzept / Regie / Gesamtleitung)
Lilian Graca (Choreografie / Bewegungstraining)
Ingrid L. Ernst ( Mitarbeit Choreografie)
Detlef Pegelow (Figurinen)
Jeannot Bessière (Lichtdesign)
Michael Lufen (Klanggestaltung)
Horst Birr (Beratung Bühneninstallation)
Max’Well Smart (Musik zum Bühnenclip SCHACHBRETT)
Lisa Schmitz (Computeranimation zum Bühnenclip ATLAS)
Ingrid L. Ernst & Michael Lufen (Sound zum Bühnenclip WÄNDE)
Gabriele Schmid & Jeannot Bessière (Video zum Bühnenclip BETT)
Birthe Bendixen (Gesangskomposition zum Bühnenclip BETT)
Ingrid L. Ernst (Film zum Bühnenclip HÄNDE)
Manuela Kelch (Assistenz)
Banu Davrak (Assistenz)
Barbara Junge (Grafik)
Birgit Papacek (dramaturgische Recherchen)
Eduard Scholz (technische Mitarbeit)
Wir danken Frau Edith Flusser, New York, für ihre lebendige und offene Haltung zu diesem Projekt, das auf Texten ihres verstorbenen Mannes Vilém Flusser basiert: veröffentlicht in „Dinge und Undinge“ Phänomenologische Skizzen. Carl Hanser Verlag, München 1993. Wir danken Herrn Dr. Dirk Scheper von der Akademie der Künste und dem Leiter der Tischlerei Theatersaal, Frank Prüffert, an der Universität der Künste für ihre tatkräftige Unterstützung. Ein besonderer Dank gilt Silvia Wagnermaier vom Flusser-Archiv an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Wir danken dem Team des Theaters am Halleschen Ufer für seine Kooperation sowie der Tanzfabrik Berlin und dem Haus der Kulturen der Welt für ihre Unterstützungen.
Das Projekt wurde finanziert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und dem Fonds Darstellende Künste e.V. Bonn.
Kontakt Ingrid Lucia Ernst inluc.ernst@t-online.de

