Wolkenformationen [...] aus dem Dunst der Möglichkeiten
Universität der Künste Berlin
Grunewaldstr. 2-5
10823 Berlin
17. Januar 2008
Aula, 19 Uhr
Die nubigene Einbildungskraft, deren Spuren in der bildenden Kunst, Literatur und Philosophie bis in die Antike zurückverfolgt werden können, setzt nicht auf das Undurchsichtige, Schleierhafte und Trennende von Wolken, sondern auf deren Oberflächeneigenschaften: Wölbungen, Protuberanzen, unstabile Grenzverläufe, und proteischer Gestaltenreichtum. Durch die Betonung der schöpferisch projektiven Seite von Wirklichkeitsaneignung verschließt sie sich dualistischen Konzeptionen und verneint den bloßen Abbildcharakter von künstlerischen Werken. Obwohl ihr in der abendländischen Geschichte der Wolken eine untergeordnete Rolle zukam, änderte sich dies mit dem Übergang in die Moderne, was nicht nur zu einer Neuentdeckung der Wolken selbst, sondern auch zu einer Umdeutung und Radikalisierung des nubigenen Prinzips geführt hat. Es sind dabei gerade die Fluidität der Konturen, die begriffliche Unbestimmtheit, die Unschärfe und das „Wattige […] leicht Formbare und Wandelbare“, so Flusser, die im Mittelpunkt des Interesses stehen. Die Wolke ist dadurch zu einer zentralen Metapher der Gegenwart avanciert, von der Kunst über die Architektur hin zur Photographie und den Neuen Technologien.
Rainer Guldin ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Studium der Anglistik und Germanistik in Zürich und Birmingham. Promotion mit einer Studie zum Werk Hubert Fichtes. Seit 1996 an der Università della Svizzera Italiana in Lugano als Professor für Deutsche Sprache und Kultur tätig. Forschungsgebiete: Übersetzungstheorien und literarische Mehrsprachigkeit, Geschichte des Körpers, Landschaftstheorie. Herausgeber (mit Anke Finger) des E-Journals Flusser Studies: flusserstudies.net Neuere Publikationen: Körpermetaphern. Zum Verhältnis von Politik und Medizin, Würzburg 2000; Intercultural Communication, Self-Consciousness, Translation and Mutual Understanding, mit A. Moulakis, Lugano 2003; Das Spiel mit der Übersetzung. Figuren der Mehrsprachigkeit im Werk Vilém Flussers, Basel und Tübingen 2004; Philosophieren zwischen den Sprachen. Vilém Flussers Werk, München 2005; Die Sprache des Himmels. Eine Geschichte der Wolken, Berlin 2006; Flusser para iniciantes, São Paulo 2008, mit A. Finger und G. Bernardo Krause.

