„In diesem höchsten und tiefsten Sinn beginnt Europa, seine Sprache zu beherrschen und darum vielleicht zu schweigen.“ Vilém Flusser

12th International Flusser Lecture
Detlef B. Linke

Dienstag, 15.Januar 2002.


Betrachtet man den Raum motorischer Aktivität des Menschen, so kann man feststellen, dass es „Handlungsräume“ gibt, die nicht von der Hand bestimmt sind. Im Bereich der Sprechmotorik kann nur unzureichend von „Sprechhandlungen“ die Rede sein. Die Besonderheit des Sprechens gegenüber anderen „Handlungen“ sollte herausgestellt werden. Der Mensch besitzt einen Aktivitätsraum, in welchem er wechselnde Außeninformationen nicht berücksichtigen muss: Der Mund- und Racheninnenraum, der Raum des artikulatorischen Systems. Evolutionär gesehen ist die Ausbildung eines rückkopplungsunabhängigen Zeichenrepertoires die Grundlage für ein permutatorisch arbeitendes kognitives System. Sprache und Kognition konnten aufgrund der Sonderrolle des artikulatorischen Systems eine Koevolution eingehen. Andere motorische Aktivitäten wie die Bild- und Schriftproduktion bedürfen längerer Inkulturation und Konstanthaltung äußerer Bedingungen. Die Freiheit z.B. gruppentheoretischer Permutation neuronaler Aktivierungen findet im Sprechraum eine sichernde Anbindung für zeitübergreifende Variationen: Grammatik. Die Grammatik ist möglich, weil das Nervensystem nicht mit einem Taktgeber arbeitet, sie gibt selber Takt und Rhythmus. Sexualität zielt auf eine elementarere Synchronisation ab, weist in der Interaktion aber zugleich Elemente des Unerwarteten auf. Religionen sind durch ihre Haltung gegenüber den verschiedenen Codierungen des Nervensystems charakterisierbar. Auch die Frage nach der Herrschaft des Subjekts kann als eine Frage nach dem Umgang mit den verschiedenen Codes des Nervensystems formuliert werden.

Detlef B. Linke: 1945 auf der Flucht geboren. Studium der Medizin, Philosophie, Kommunikationsforschung und Phonetik. Promotion über „Psychomotorische Epilepsie“, 1977 Habilitation über „Die Sprechmotorik“ und Stipendium der französischen Regierung für Forschungsaufenthalt am „Institut de Psychophysiologie“ des C.N.R.S., Marseille. 1980 Forschungsaufenthalt an der Harvard University Medical School. Seit 1982 Professor für Klinische Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation an der Universität Bonn. Außerdem Professor für Philosophie der Naturwissenschaften an der Hochschule Weilheim-Bierbronnen. Alfred Hauptmann-Preis für Epilepsieforschung 1990. Mitbegründer des Zentrums für Altersforschung an der Universität Bonn. Vizepräsident der „Society for the Philosophical Study of Genocide and the Holocaust“. Mitglied des neurowissenschaftlichen Beirats des New York Psychoanalytic Institute. 1998 Lehrauftrag an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.
Detlef B. Linke verstarb 2005.

Veröffentlichungen: 200 Aufsätze, Bücher u.a.: Parallelität von Gehirn und Seele. Neurowissenschaft und Leib-Seele-Problem. Enke-Verlag, Stuttgart 1988 (mit M. Kurthen); In Würde altern und sterben. Zur Ethik in der Medizin. Gerd Mohn Verlag, Gütersloh 1991; Kaum gedacht bist du zersprungen. Janus-Verlag, Köln 1992 (mit H.R. Fischer); Wie alt sollen Menschen werden? Fallstudien aus der Praxis. Gerd Mohn Verlag, Gütersloh 1993; Hirnverpflanzung. Die erste Unsterblichkeit auf Erden. Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 1993, 1996; Das Gehirn. C.H. Beck Verlag, München 1999, 2000; Contemporary Portrayals of Auschwitz: Philosophical Challenges. Humanities Books, New York 2000 (Hrsgb. mit A. Rosenberg and J.R. Watson); Einsteins Doppelgänger. Das Gehirn und sein Ich. C.H. Beck Verlag, München 2000; Kunst und Gehirn. Die Eroberung des Unsichtbaren. Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 2001

Publikation des Vortrags mit geändertem Titel: Detlef B. Linke Medientheorie, Gehirnforschung und die Aufnahme der Türkei, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2003