Was Avatare und Engel uns sagen können ...

Hinderk M. Emrich

Freitag, 28.1.2005, 19 Uhr

Eine „Philosophie des Unsichtbaren“ erscheint medienphilosophisch herausfordernd, weil spätestens seit dem radikalen Konstruktivismus der Realitätsbegriff schwankend geworden ist und „das Imaginäre“ (Sartre), die „Agonie des Realen“ (Baudrillard) und das Virtuelle den Ton angeben. Was aber ist das für ein Ton? Hier nun wird nach dem Realitätsbegriff einer Philosophie des Unsichtbaren („Weltinnenraum-Theorie“) in der späten Lyrik Rainer Maria Rilkes gefragt, in der eine ganz eigenständige Konzeption entwickelt ist, innerhalb derer das Unsichtbare wirklicher sein kann als unsere Außenwirklichkeit (vgl. Käte Hamburgers Deutung von „Weltinnenraum“ und Jean Gebsers Deutung der „männlichen“ rilkeschen Engel). Avatare dagegen können nur zum Teil auf Wirklichkeit ihrer Wirklichkeit insistieren: wie Vilém Flusser in seinem Buch \"Die Geschichte des Teufels\" gezeigt hat, ist unsere Wirklichkeit durch die mediatisierten Lebensformen der Moderne so „dehydriert“, dass selbst deren Repräsentanten, die elektronischen Wesen, dahinschwinden (so sagt Flusser: „Wenn es dem Menschen gelingen sollte, den ganzen Kosmos der Sinne in Symbole zu dehydrieren und wieder zurückzuschleudern, dann wäre die Wirklichkeit zurückerobert. Es gäbe dann keinen Bruch mehr zwischen Symbol und Phänomen. Die ganze Welt wäre symbolisch und sinnlich zugleich, sie wäre eine Schöpfung des menschlichen Geistes und in diesem Sinne wirklich ...“) Rainer Maria Rilke sagt dagegen in („Dinggedichte“): „Jedes Ding hat seine Würde“. Immerhin aber erreicht in Tarkowskijs Film „Solaris“ die imaginierte Geliebte den Status der Hyperrealität und in Fassbinders „Welt am Draht“ gelingt es den Avataren, in die „wirkliche Welt“ vorzudringen. Aber was heißt das? ...

Prof. Dr. Dr. Hinderk M. Emrich, Leiter der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapeut und –analytiker und Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen, arbeitet als Neurobiologe und Philosoph an den Schnittstellen von Natur- und Geisteswissenschaften. Zuletzt von ihm u.a. erschienen: Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie, das Leben mit verknüpften Sinnen.