Körper-Abstraktionen

1st International Flusser Lecture
Dietmar Kamper

Cover Kamer Lecture
15. Juni 1999


Dietmar Kamper ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und zeitgenössischer Kulturphilosoph. Mit seinem Forschungsschwerpunkt zur historischen Anthropologie, seinen Arbeiten zum Körper oder zur Geschichte der Einbildungskraft regt er seit vielen Jahren die Debatte um die Mediatisierung unserer Lebensverhältnisse immer wieder irritierend und insistierend an. In seinem Vortrag beschäftigt er sich mit einem nachgelassenen Exposé Vilém Flussers, der im Horizont seiner 'negativen Anthropologie' die Richtung einer neuen Einbildungskraft wie folgt beschrieb: „Wir müssen uns aus der Untertänigkeit ins Entwerfen aufrichten. Als Subjekte sind wir unseren Artefakten unterlegen, als Projekte können wir aufrichtig sein, d.h. griechisch anthropos, Mensch. Es geht aus Rückschritten zurück. Wir sind nämlich buchstäblich bei 'nichts' angekommen, in der Nulldimension des numerischen Denkens. Das war ein weiter Weg. Wir müssen ihn zurückgehen:bis in die Körperwelt, in der wir Körper von Körpern sein können. Der Weg ging rückwärts, aus dem Raum auf die Fläche, von dort in die Linie und von dort zum Punkt. Oder lebensweltlicher, existentieller: vom Körper auf die Bildfläche, vom Bild in die Schriftlinie, von der Schrift zum Zeitpunkt, in die Nulldimension einer unmöglichen Gegenwart.“ Wie das Verhältnis dieser Dimensionen, an denen die Menschen spürend, sehend, schreibend und klaubend teilhaben, dargestellt werden kann, ist eine Frage, die noch nicht zufriedenstellend beantwortet ist, die auch Vilém Flusser offen gelassen hat. Es ist die Frage nach Struktur und Genese, nach Topologie und Geschichte der Körper-Abstraktionen, sofern sie nicht nur Gegenstand der Erkenntnis, sondern auch Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis sind. Dietmar Kamper schrieb und veröffentlichte u.a.: „Geschichte und menschliche Natur“ (1973); „Zur Geschichte der Einbildungskraft“ (1981); „Zur Soziologie der Imagination“ (1986); Zusammen mit Christoph Wulff: „Lachen, Gelächter, Lächeln“ (1986); „Das Heilige. Seine Spur in der Moderne“ (1986/1997); „Der Schein des Schönen“ (1988); „Hieroglyphen der Zeit“ (1988); „Rückblick auf das Ende der Welt“ (1991); „Das Schweigen“ (1992); „Bildstörungen“ (1994); „Unmögliche Gegenwart“ (1995); „Von wegen“ (1998)

Dietmar Kamper verstarb 2001.