Flusser und Brasilien: zwischen Ungeschichte und neuen Menschen

8th International Flusser Lecture
Claudia Giannetti

Vilém Flusser emigrierte 1940 nach Brasilien, São Paulo. Dort lehrte er bis 1972 Kommunikations- und Wissenschaftsphilosophie. Nach 32 Jahren kehrte er nach Europa zurück und schrieb das Buch „Bodenlos“, einen autobiographischen Rechenschaftsbericht über seine Erfahrungen in Brasilien, mit einer sehr persönlichen Interpretation der verschiedenen Charakteristika des Landes. Eine dieser Eigenschaften, die vielleicht schockierend für einen Europäer (ein historischer Menschentyp) ist, besteht darin, dass das Konzept Identität sehr wenig für den Brasilianer bedeutet, da es sich um eine Gesellschaft handelt, die ihre Identität nicht nur nicht gefunden hat, sondern sich des Problems der Suche noch nicht einmal bewusst ist. Diese Tatsache ist der Grund, dass im Land nicht eine geplante, sondern eine echte Mischung entstehen kann, und es potentiell das Land der authentischen Synthese ist. „Brasilianer sein ist nicht ein Zustand, sondern eine Art des Suchens“, sagte Flusser. So bildet sich in Brasilien ein neuer Menschentyp heraus, „und er kann, als Möglichkeit, die er ist, von entscheidender Bedeutung für die Menschheit in ihrer nachgeschichtlichen Krise werden, sollte seine Entstehung gelingen“. Und diese Bedeutung liegt darin, dass dem Brasilianer der Glaube völlig fremd ist, man könne mit Menschen und aus Menschen überhaupt etwas machen (wie bei dem historischen Glauben der Europäer), weil Menschen für den Brasilianer Subjekte sind, nicht Objekte im okzidentalischen Sinn. In einer posthumanistischen und globalisierten Zeit erscheint diese heterogene Eigenschaft und dieser ungeschichtliche Menschentyp als eine ungewöhnliche Hoffnung. Hat Flusser recht?

Claudia Giannetti born in Belo Horizonte, Brasil. Lives in Barcelona, Spain. Director of MECAD - Media Centre of Art and Design, Sabadell-Barcelona. Is specialist in Media Art. Studied music, and has a degree in Art History from the University of Barcelona. She was Professor of Visual Arts at the University of Barcelona (1996-1998) and since 1993 co-founder and director of the L'Angelot Association for Contemporary Culture in Barcelona, the first space in Spain specialized in Electronic Art. Since 1998 Director of the degree on Electronic Art and Digital Design on ESDI - Escuela Superior de Diseño. Writer and curator of innumerable cultural events and media art exhibitions in different countries. She was Chair of the First International Congress for Aesthetic and Media Art in Barcelona, in 1997. She has taught and given seminars at several universities, has given several lectures on the subject of art and the new technologies at international centres and museums, and has written several publications in specialized journals and exhibition catalogues; has been in international juries. She edited the books „Media Culture“ (Barcelona, 1995), „Art in the Electronic Age - Perspectives of a New Aesthetic“ (Barcelona, 1997), „ARS TELEMATICA - Telecommunication, Internet and Cyberspace“ (1998), „Arte Facto“